Die Frage nach Gott

Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: "Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, daß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott". (Brecht, Geschichten von Herrn Keuner)


Gleichnis vom Elefanten
Ein indischer Fürst ließ alle Blindgeborenen seines Landes zusammenführen und ließ ihnen zeigen, wie ein Elefant aussieht ...
Da standen nun die Blindgeborenen von Savatthi um den Elefanten herum und belasteten ihn, ein jeder, wo er gerade stand. Dann begab sich der König zu den Blindgeborenen und fragte sie: "Habt ihr erkannt, was ein Elefant ist?" "Ja", sagten sie. Und er fragte weiter: "Wie ist denn ein Elefant?" Und da sagten nun die einen:
Der Elefant ist wie ein Tragkessel - so sprachen die, die den Kopf betastet hatten.
Der Elefant ist wie eine Schaufel - so sagten die, die das Ohr des Elefanten betastet hatten.
Der Elefant ist wie eine Pflugschar - so sagten die, die seinen Zahn betastet hatten;
wie eine Stange am Pfluge ist der Elefant - so sagten die, die seinen Rüssel betastet hatten;
wie ein Pfeiler ist der Elefant - sie hatten sein Bein betastet;
wie eine Keule ist der Elefant - sie hatten seinen Schwanz in die Hand genommen;
wie ein Besen ist der Elefant - so sprachen die, weiche das Schwanzende befühlt hatten.
Und sie gerieten miteinander in Streit, und jeder meinte recht zu haben, denn er traute der eigenen Erfahrung, - aber sie vermochten nicht das Ganze zusammenzusetzen und zu erkennen, was in Wahrheit der Elefant sei.

ZdH: Gott - wer ist das?; Religionen in unserer Welt / Fremde Wege zu Gott.

Glaube an Gott und binde dein Kamel fest
Die Gläubigen kamen in Scharen, um die Worte des Propheten Mohammed zu hören. Ein Mann hörte besonders aufmerksam und andächtig zu, betete mit gläubiger Inbrunst und verabschiedete sich schließlich vom Propheten, als es Abend wurde. Kaum war er draußen, kam er wieder zurückgerannt und schrie mit sich überschlagender Stimme: "Oh, Herr! Heute morgen ritt ich auf meinem Kamel zu dir, um dich, den Propheten Gottes, zu hören. jetzt ist das Kamel nicht mehr da. Weit und breit ist kein Kamel zu sehen. Ich war dir gehorsam, achtete auf jedes Wort deiner Rede und vertraute auf Gottes Allmacht. jetzt, Oh, Herr, ist mein Kamel fort. Ist das die göttliche Gerechtigkeit? Ist das die Belohnung meines Glaubens? Ist das der Dank für meine Gebete?" Mohammed hörte sich diese verzweifelten Worte an und antwortete mit einem gütigen Lächeln: "Glaube an Gott und binde dein Kamel fest."

FAZ, 10.01.1994:
Ohne Gott ist alles erlaubt (Von Kurt Reumann)

Ob Günter Verheugen mit seinem Reden über Gott dem Bild entspricht, das sich Wähler vom unabhängigen Gewissen eines Abgeordneten machen? Seine persönliche Ansicht, Gott habe im Grundgesetz nichts zu suchen, mag noch aus der Mitgift der FDP an ihren früheren Generalsekretär stammen. Aber als Bundesgeschäftsführer der SPD, der er nun ist, will Verheugen offenbar berücksichtigen, daß die SPD mit der evangelischen Kirche freundschaftlich verbunden ist und daß sie die katholische Kirche nicht reizen möchte - schon gar nicht im Jahr der Wahlen. Verheugen korrigierte sich, die SPD wolle die Berufung auf Gott in der Präambel des Grundgesetzes beibehalten, und dafür werde er auch im Bundestag stimmen, "weil ich dort die Politik der SPD und nicht meine Privatmeinung zu vertreten habe". Wirklich?
Der Gottesbezug ist der Anker nicht nur der Verfassung, sondern auch allen Sinns, jeder Moral. Als Nietzsche schrieb: "Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!", wußte er, "was alles ... nun-, mehr einfallen muß ... : zum Beispiel unsre ganze europäische Moral". Gibt es ohne einen Gott die Unterscheidung von Gut und Böse? Wozu Moral, wenn Leben, Natur, Geschichte "unmoralisch" sind? Leszek Kolakowski hat Dostojewskis Werk auf den Nenner gebracht: "Falls es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt", und er hat in seinem nach dieser Sentenz titulierten Buch hinzugefügt, das sei nicht nur als moralische Regel gültig, sondern auch als erkenntnistheoretisches Prinzip. Gibt es überhaupt Wahrheit, wenn Gott nicht die Wahrheit und die Wahrheit nicht göttlich ist? "Was taten wir", fragt Nietzsche, "als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? ... Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?"
Nietzsche nahm sich in seiner "Fröhlichen Wissenschaft" die Freiheit heraus, "selbst an den Abgründen noch zu tanzen": an den Abgründen des Nichts, der Verzweiflung und des Wahnsinns. Ohne Sicherheit und Illusionen wollte er Sinn durch bloßen menschlichen Willensakt setzen, wollte er über die göttliche Leere durch schöpferische Taten triumphieren. Dabei glaubte er an die Vernunft, die menschliche Würde - auch das ein Glaube nur. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben gelehrt, wohin es führen kann (führen muß?), wenn Menschen sich an die Stelle Gottes erheben und dekretieren, was Moral sei. Ausdrücklich heißt es in der Präambel der bayerischen Verfassung von 1946: "Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Übelebenden des Zweiten Weltkriegs geführt hat, in dem festen Entschlusse, den kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechtes zu sichern..." Im Vergleich dazu faßt sich das Grundgesetz kurz: "lm Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen ... hat das deutsche Volk..." Weil die Anrufung Gottes verhindert, daß ein endlicher Moralismus zur Staatsmoral verabsolutiert wird, enthält sie auch eine Freiheitsgarantie für Nichtgläubige. Der Gottesbezug macht bescheiden: Der Mensch ist fehlbar seine Werke sind unvollkommen, und auch das Recht des Staates ist nur etwas "Vorletztes".

Allerdings gab es schon 1945 regionale und parteipolitische Nuancen und Differenzen. Präambeln besitzen nur sechs von elf Verfassungen der alten Länder; in vieren wird Gott angerufen. Durch die Wiedervereinigung haben sich die Spannungen verschärft. In den alten Ländern glauben immerhin 70 Prozent an Gott (wie immer der aussehen mag), in den neuen nur 32 Prozent. In nichts unterscheiden sich West und Öst so stark wie im Grad der Säkularisierung. Trotzdem besitzen vier von fünf Verfassungen der neuen Länder eine Präambel, zwei davon (Sachsen-Anhalt und Thüringen) rufen Gott an, eine (Sachsen) will die Schöpfung bewahren; diese grüne Kompromißformel verschleiert, daß eine Schöpfung ohne Schöpfer nicht vorstellbar ist.
Wieder ist es die Ernüchterung, die den Verfassungsvätern die Feder geführt hat: "Im Bewußtsein der Verantwortung aus der deutschen Geschichte" (Mecklenburg-Vorpommern, allerdings ohne Gottesbezug) und "ausgehend von den leidvollen Erfahrungen nationalsozialistischer und kommunistischer Gewaltherrschaft, eingedenk eigener Schuld in der Vergangenheit" (Sachsen). Daher wird der Gottesbezug auch in der Präambel des Grundgesetzes bleiben. Die Skeptiker wissen nämlich so gut wie die Christen, wie stark die Religion dem diesseitigen Leben nützt: Der Glaube begründet sittliche Werte, er weckt Hilfsbereitschaft, stärkt das Gemeinschaftsgefühl, schenkt Geborgenheit, schafft Sinn. Umgekehrt sind sich Christen mit Skeptikern darin einig, daß diese späte Vernunfteinsicht den Glauben nicht wiederherstellt. Paul Tillich hatte recht: Man kann die Mutter nicht vom Sohn her schaffen, den Vater nicht aus dem Nichts rufen.
Dabei ist die Warnung, daß ohne Gott alles erlaubt sei, notwendiger denn je. Der Mensch experimentiert mit sich selbst: Frauen tragen noch im hohen Alter, nach der natürlichen Gebärfähigkeit, Kinder aus; man kann das Geschlecht der Kinder bestimmen, indem man für künstliche Befruchtungen die Samenzellen auswählt; ja, man kann menschliche Embryonen klonen, also lebende Abziehbilder herstellen und damit bestimmte Individuen in Serie züchten. Die Reproduzierbarkeit des Menschen zieht unsere Vorstellungen von der unverwechselbaren Person in Zweifel und damit auch den Glauben an die persönliche Beziehung zwischen Gott und Mensch. Wie soll das enden? Wo ist oben, wo unten?

Gott kümmert sich um mich!
Warum tut er das?
Warum umarmt er mich, statt mich zu schlagen? Ich hätte es nicht anders verdient -nach allem, was geschehen ist. Als ich weglief in der Nacht, nach meinem 18. Geburtstag -habe ich da nach ihm gefragt? Als ich mein Geld durchbrachte in den Kneipen, mit den Mädchen, an den Spielautomaten -habe ich da je an ihn gedacht? Warum weint er jetzt mit mir? Warum liebt er mich noch? Warum vergibt er mir, noch ehe ich ihm sagen kann, wie sehr mir alles leid tut? Ich weiß keinen Grund.Es ist unbegreiflich, unerklärlich, über alles menschliche Maß.(Gunther Gabriel)zu Lk 15,11 ff

 

Ich weiß nicht,
was mich in die Welt gesetzt hat,
ich weiß auch nicht,
was diese Welt ist, noch, was ich selber bin.
Ich lebe in Unkenntnis aller Dinge....
Ich sehe mich von den unermesslichen Abgründen des Weltalls umgeben
und finde mich an einem winzigen Punkt inmitten seiner unermesslichen Ausdehnung gefesselt,
ohne zu wissen,
warum ich hier und nicht anderswo bin
und warum der winzige Zeitraum,
der mir zu leben vergönnt ist,
gerade an diesem und keinem anderen Punkt gesetzt wurde -
der Ewigkeit,
die mir vorangeht und die mir folgt.
Allerwärts sehe ich nur Unendlichkeiten,
die mich wie ein Atom verschlingen,
wie ein Schatten, der nur einen Augenblick lang dauert und der niemals wiederkehrt.
Alles, was ich weiß,
ist,
dass der Tod mir gewiss ist.
Ihn aber, dem ich nicht entgehen kann,
kenne ich am allerwenigsten.
Blaise Pascal

(zitiert nach: J. Tiele; Die mystische Liebe zur Erde; Kreuz Verlag, Stuttgart, 1989; S. 22)


Jetzt habt ihr einen
Nun war er aufgebaut, der Super-Computer. Der Stolz nicht nur des Instituts, sondern der ganzen interessierten Welt: Schließlich waren die Komponenten in internationaler Zusammenarbeit entwickelt worden. Eine Maschine von unvorstellbarer Leistungskraft. Alle Programme waren geladen, der Probelauf war absolviert. Es konnte losgehen. Die Techniker faßten sich ein Herz. Jetzt konnten sie die Frage loswerden, die sie alle heimlich bewegte: "Gibt es Gott?". Die Maschine begann zu arbeiten. Auf dem Bildschirm erschien das Display: "Einen Moment, bitte ... ". Der Moment wurde ziemlich lang, dehnte sich über Stunden, schließlich - nach einem halben Tag intensiver Unruhe im Gerät - kam der Piepston. Und die Anzeige antwortete: "Jetzt habt ihr einen".
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