Nordbayerischer Kurier Montag, 15. Februar 1999
Den Ratten schrumpfte das Hirn
Organschäden nach Verzehr von Gen-Kartoffeln - Britischer Forscher jetzt rehabilitiert
LONDON
Von Jochen Wittmann, RNT
Die neue Diät bekam den Laborratten schlecht. Zehn Tage lang wurden die Versuchstiere mit gentechnisch veränderten Kartoffeln gefüttert. Als sie Dr. Arpad Pusztai nach dem Experiment sezierte, stellte er beunruhigende Veränderungen an den inneren Organen der Nager fest: Leber und Herz waren verkleinert, das Immunsystem geschwächt und sogar das Gehirn schien geschrumpft zu sein.
Der bis dato als renommiert geltende Wissenschaftler und Mitarbeiter des schottischen Rowett Institut war alarmiert. Immerhin enthielten die gentechnisch modifizierten Kartoffeln einen Transporter-Virus, der auch zur Herstellung anderer Gen-Produkte wie Tomatenpüree und Sojabohnen verwendet worden war - Produkte, die mittlerweile in britischen Supermärkten zum Verkauf standen.
Rücktritt erzwungen
Pusztai ging mit seinen Ergebnissen an die Öffentlichkeit: Im August 1998 warnte er in einem Fernsehinterview vor gentechnisch veränderten Lebensmitteln: "Es ist äußerst unfair, unsere Mitbürger als Versuchskaninchen zu benutzen." Das bekam ihm schlecht. Sein Arbeitgeber zwang ihn zwei Tage später zum Rücktritt wegen "irreführender Information". Pusztais Untersuchungsergebnisse blieben hinter Schloß und Riegel. Der 68jährige mußte um seinen professionellen Ruf fürchten, nachdem das Rowett Institut verlauten ließ, daß seine Schlußfolgerungen jeder methodischen Grundlage entbehrten.

Pusztai (Foto) wäre wissenschaftlich erledigt gewesen und seine Experimente unter den Teppich gekehrt worden, hätte sich nicht eine Kampagne von Unterstützern formiert, die über die Gefahren der Biotechnologie ebenso besorgt waren wie empört über die Unterdrückung der Forschung. Vor wenigen Tagen veröffentlichte eine Gruppe von 20 Wissenschaftler aus 13 Ländern ein Memorandum, in dem sie Pusztais Forschungsergebnisse nachdrücklich unterstützen. Vorausgegangen war eine intensive Prüfung der Daten. Damit ist nicht nur Pusztai voll rehabilitiert, sondern auch das Scheinwerferlicht auf das sogenannte "Frankenstein-Essen" gerichtet. Wenn Ratten nach zehntägigem Genuß von Gen-Kartoffeln das Him schrumpft) so sorgen sich jetzt die Briten, könnten doch auch gentechnisch modifizierte Sojabohnen ernste gesundheitliche Konsequenzen für den Menschen haben. Immerhin enthalten in Großbritannien 60 Prozent der verarbeiteten Lebensmittel dieses Soja. Die britische Regierung kommt nun unter Druck, ein Moratorium für neue, durch Biotechnologie entwickelte Nahrungsmittel zu verkünden. Zumindest für die nächsten drei Jahre, so die Forderung von Verbraucherorganisationen und Umweltschutzverbänden, sollten keine neuen Produkte für den Markt zugelassen werden.
Pharmazeutisches Produkt
Der Zulassungsaufschub wäre nötig, um Langzeituntersuchungen durchzuführen und die Risiken für den menschlichen Verzehr abzuschätzen. "Die Regulierung von Lebensmitteln ist bei weitem nicht so streng wie die von Medikamenten", gibt Professor Jonathan Rhodes von der Universität von Liverpool zu bedenken. "Doch wenn wir die genetische Struktur von Nahrung verändern, dann sollten wir sie auch als pharmazeutische Produkte einschätzen."
Die Regierung hat sich bisher Rufen der Opposition nach einem Moratorium verweigert, obwohl dies laut einer Umfrage auch 77 Prozent der Briten wollen. Aber die Front gegen gentechnisch modifizierte Lebensmittel wird immer stärker. Auch Abgeordnete aus den eigenen Reihen fordern nun energisch neue Forschungsfelder für weitergehende Untersuchungen. "Wenn Dr. Pusztai recht hat", so Labour-Abgeordneter Alan Simpson, "dann könnten wir es mit einem zweiten Rinderwahn-Szenario zu tun haben."


*"Klonen ist der erste Schritt, wie Gott zu werden."
Richard Seed, amerikanischer Genforscher, über seine Absicht, Menschen zu klonen
*"Eine Fortpflanzung ohne den Beitrag von Mann und Frau, sondern mit den Genen eines einzigen Individuums, bedeutet die Herrschaft des Menschen über den Menschen."
Bischof Elio Sgreccia, Vizedirektor der Päpstlichen Akademie für das Leben, über Seeds Vorhaben
"Den geklonten Menschen kann und darf es nicht geben."
Jürgen Rüttgers, Bundesforschungsminister
"Wir sehen kein klinisches Erfordernis, ein menschliches Lebewesen zu klonen."
Ian Wilmut, Embryologe am Roslin-Institute in Edinburgh und Leiter des Experiments `Dolly`
"Wenn man das Gen identifizieren könnte, das die Sexualität determiniert und eine Frau dann entscheidet, daß sie kein homosexuelles Kind will - soll man sie doch lassen."
James Watson, Nobelpreisträger und Begründer der Humangenetik